Was nicht passt wird passend gemacht - Accomodations (Anpassungen) für AuDHS & Co. am Arbeitsplatz
- dieneurodivergente
- 10. März
- 5 Min. Lesezeit
Ein Beitrag von Julia Baumann & Simone Eppler aus dem Podcast „Die NeurodivergEnten"
Stell dir vor, du kommst morgens ins Büro. Die Kaffeemaschine rattert, jemand isst einen stark riechenden Aufschnitt, das Licht flackert ein bisschen, und du verlierst dich auf dem Weg zum Besprechungsraum, weil alle Stockwerke irgendwie gleich aussehen. Noch bevor du das erste Mail beantwortet hast, hast du schon einen Großteil deiner Energie verbraucht. Nicht für die Arbeit, sondern fürs pure Ankommen.
Genau hier setzen Accommodations an. Und genau darüber haben wir in unserer aktuellen Podcast-Episode gesprochen.
Das Wort „Accommodations" kommt aus dem Englischen und lässt sich mit „Anpassungen" übersetzen – aber es steckt noch mehr drin. Im Englischen bedeutet es auch „Unterkunft". Und wir finden das Bild eigentlich sehr schön: Wie können wir am Arbeitsplatz so gestalten, dass sich alle wirklich untergebracht fühlen? Dass alle ankommen können?
Ein drittes Bedeutungsfeld des Wortes ist das Zugeständnis in Verhandlungen. Und auch das ist aufschlussreich, denn genau das denken viele: dass Accommodations bedeuten, dass jemand anderem etwas weggenommen wird. Dabei ist das Gegenteil wahr.

Die Arbeit selbst ist oft nicht das Problem
Das ist einer der Punkte, der uns am meisten am Herzen liegt, und den wir immer wieder betonen wollen: Für neurodivergente Menschen – ob mit ADHS, Autismus, AuDHS, Hochbegabung oder einer Kombination davon – ist meistens nicht die eigentliche Arbeit das Problem. Das Texte schreiben, das Codieren, das Konzipieren, das analytische Denken – da läuft es oft richtig gut. Das Problem ist das Drumherum.
Die sogenannte „Logistik des Alltags", wie Julia es nennt: rechtzeitig ankommen, ohne die Hälfte zu Hause vergessen zu haben. Die unausgesprochenen sozialen Codes richtig lesen. Den Weg zum Besprechungsraum finden. In der überfüllten, lauten Kantine zu essen. All das kostet Energie, die dann für die eigentliche Arbeit fehlt.
Das Einfache ist schwierig – und das Schwierige ist einfach. Ein Satz, den Julia grene zitiert, weil er so vieles auf den Punkt bringt.
Was das alles kostet – und wer eigentlich profitiert
Simone bringt hier noch einen wichtigen Gedanken ein: Diese Bedürfnisse sind keine besonderen Bedürfnisse. Sie sind menschliche Bedürfnisse, für die die Arbeitswelt historisch gesehen einfach nie offen war. Es geht nicht um Sonderstatus, es geht um eine Palette menschlicher Realitäten, die bisher zu oft ignoriert wurde.
Das Schöne ist: Was neurodivergenten Menschen hilft, hilft meistens allen. Weniger starke Gerüche im Büro, klarere Meetingstrukturen, Pausen, Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort – das sind keine Sonderlocken. Das ist einfach gutes Arbeitsumfeld-Design.
Ein Beispiel, das Julia noch immer berührt: Sie war mit einer Freundin zum Mittagessen verabredet. Die Freundin fragte ganz beiläufig, ob sie sich nicht lieber einen Salat holen und bei ihr im ruhigen Büro essen wollen. Kein Lärm, keine enge Umgebung, keine Reizüberflutung. Keine große Sache für die Freundin – für Julia ein Moment, in dem sie kurz vor den Tränen war, weil sie sich einfach mitgedacht gefühlt hat. So selten ist das leider noch.
Von Sinnesreizen bis Sozialstruktur – was konkret möglich ist
In der Episode gehen wir verschiedene Ebenen durch, auf denen Accommodations wirksam sein können. Wir fangen beim Sensorischen an: Überreizung durch starke Gerüche, hartes Licht oder Lärm kostet enorm viel Kraft – nicht nur bei autistischen Menschen, sondern auch bei Menschen mit ADHS, Trauma-Hintergrund oder einfach sehr sensiblem Nervensystem. Konkrete Möglichkeiten: Ruhezonen einrichten, Kopfhörer und andere Hilfsmittel ohne Stigma erlauben, auf starke Reinigungsmittel oder Essensdüfte im Büro achten.
Gleichzeitig – und das ist wichtig – brauchen viele Hirne nicht weniger Reize, sondern die richtigen. Vogelzwitschern statt Baustellenlärm. Bewegung statt Stillsitzen. Die Möglichkeit, sich mit lauter Musik zu regulieren oder einen Fidget-Toy zu nutzen. Stimulation ist kein Fehler, sie ist oft eine notwendige Ressource.
Auf der körperlichen Ebene geht es um Bewegungsfreiheit: Stehtische, Meetings im Gehen, Zugang zu Frischluft und Tageslicht. Auch gute Ernährung ist keine Kleinigkeit – Julia bringt es auf den Punkt: Wenn jemand in einer lauten Kantine essen kann, verliert er einen wichtigen Ort zur Selbstfürsorge.
Soziale Accommodations sind vielleicht die, die am meisten unterschätzt werden. Buddy-Systeme, Mentoring, Body Doubling (also das einfache Zusammenarbeiten im gleichen Raum, ohne dass man reden muss) – das klingt simpel, macht aber einen riesigen Unterschied. Simone hat vor unserem gemeinsamen Workshop nicht dabei sein können, als Julia die Location vorab besichtigt hat. Also hat Julia ihr einfach einen Live-Stream gemacht und Fotos geschickt: Steckdosen, Raumaufteilung, Atmosphäre. Eine kleine Geste – und Simone konnte entspannt ankommen, weil sie wusste, was sie erwartet.
Auch soziale Anlässe können inklusiver gestaltet werden: Freiwilligkeit betonen, alkoholfreie Alternativen anbieten, Strukturen schaffen, damit man weiß, was einen erwartet, und klarmachen, dass Abwesenheit kein Karriereknick ist.
Emotional und kognitiv: Sicherheit als Fundament
Psychologische Sicherheit ist für uns das Fundament von allem. Nur wenn ich mich sicher fühle, kann ich mich zeigen. Nur wenn ich mich zeigen kann, kann ich wirklich arbeiten – und das Masking, also das ständige Anpassen und Verstecken, kostet so viel Energie, dass für echte Leistung oft wenig übrig bleibt.
Konkret bedeutet das: klare, direkte Kommunikation (kein „Können wir kurz reden?" ohne Kontext), Themen und Fragen vorab schicken, asynchrone Formate ermöglichen, Feedbackkultur wertschätzend gestalten.
Auf kognitiver Ebene hilft es, Informationen in verschiedenen Formaten anzubieten: schriftlich, mündlich, mit Zeit zum Verarbeiten. Nicht alle Hirne funktionieren im gleichen Tempo oder im gleichen Format.
Und strukturell? Flexibilität. Jobcrafting. Menschen nach ihren Stärken einsetzen, statt sie in enge Beschreibungen zu pressen. Agile Methoden mit klaren Strukturen und innerhalb dieser viel individuellem Spielraum. Simone nennt das ihre
Herzensangelegenheit als Karrierecoach – und wir teilen diese Überzeugung vollständig.
Eine letzte Sache, die wir betonen möchten, weil sie uns in letzter Zeit besonders beschäftigt: Es geht nicht darum, für andere zu entscheiden, was sie brauchen.
Accommodations sind kein Fürsorge-Projekt von oben, sondern eine Bereitstellung von Möglichkeiten. Der Unterschied ist entscheidend. Begegnung auf Augenhöhe, zwischen mündigen Menschen – das ist die Haltung, die all das erst möglich macht.
Und wer seine eigenen Bedürfnisse noch gar nicht kennt? Das ist übrigens auch vollkommen normal. Es braucht Raum und Zeit und manchmal auch Begleitung, um zu verstehen, wie das eigene Hirn eigentlich funktioniert.
Done is better than perfect – das war unser Schlusssatz in der Episode. Und er gilt auch hier: Kein Unternehmen muss über Nacht perfekt werden. Es geht um Haltung, um Offenheit, und darum, Schritt für Schritt etwas zu verändern.
Wie geht es euch damit?
Welche Accommodation würde deinen Alltag – bei der Arbeit oder anderswo – am meisten erleichtern? Wir freuen uns sehr, wenn du in den Kommentaren teilst, was dir schon geholfen hat oder was du dir wünschen würdest.
Und falls ihr die ganze Unterhaltung hören möchtet: Die Episode gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen und YouTube unter Die NeurodivergEnten und natürlich auch auf dieser Webseite. 🦆
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