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Zwischen Strudel und Stabilität – Wie wir mit AuDHS Veränderungen integrieren (lernen)

Ein Beitrag von Julia Baumann & Simone Eppler aus unserem Podcast „Die NeurodivergEnten"


Als wir uns zu diesem Thema zusammengesetzt haben, waren wir beide gerade mittendrin. Simone hatte kurz zuvor ihre offizielle Autismusdiagnose erhalten – nach einer langen Phase der Selbstidentifikation und intensiver Recherche. Und obwohl sie bereits so viel über sich selbst wusste, hatte sie nach der Diagnose das Gefühl, das Thema Autismus noch gar nicht wirklich integriert zu haben. Julia ihrerseits hatte am Wochenende davor einen intensiven Workshop hinter sich und merkte, dass ihr Hirn und ihr System schlicht voll waren – eine Live-Demo, wie sie es trocken formulierte, für reduzierte Exekutivfunktionen durch allgemeine Erschöpfung.


Kurz gesagt: Wir waren beide daran, grössere Lebens-Brocken zu Verdauen. Und genau das war das richtige Bild, das uns durch dieses Gespräch begleitet hat.



Das Verdauen als Metapher

Integration ist nichts, was man erzwingen kann. So wie der Körper Nahrung verarbeitet, ohne dass man aktiv mithelfen kann – man kann ihn unterstützen, aber nicht für ihn verdauen – so verhält es sich auch mit grossen Lebensveränderungen. Man kann etwas schwer im Magen liegen haben. Man kann sich an etwas verschlucken. Man kann, wenn man zu grosse Bissen genommen hat, eine Weile brauchen, bis sich alles setzt.


Was sich integrieren lässt, ist dabei viel breiter als man vielleicht denkt: eine Diagnose (ob ADHS, Autismus, AuDHS & Co., oder eine körperliche Erkrankung), ein Verlust, eine berufliche Veränderung, die man selbst angestossen hat, das Elternwerden, eine Erkenntnis über sich selbst, die plötzlich alles neu ordnet. Es sind nicht nur Dinge, die einem passieren. Manchmal integriert man auch das, was man selbst gewählt hat – und trotzdem noch nicht ganz in sich aufgenommen hat.


Und vor allem: Dieser Prozess ist nicht linear. Er verläuft eher wie eine Wendeltreppe. Man dreht sich nicht im Kreis, aber man hat manchmal das Gefühl, an einem Punkt zu sein, den man doch schon kannte. Nur eben ein paar Meter höher. Das ist kein Rückschritt – das ist Tiefe.


Zuerst kommt fast immer der Kopf

Bei vielen von uns, die neurodivergent sind (ADHS, Autismus, AuDHS & Co.), ist der erste Reflex bei einem grossen Thema der Kopf. Man liest, recherchiert, konsumiert Videos, wälzt Bücher, wird quasi zur Expertin auf dem eigenen Erlebnis. Simone hat das beim Thema Autismus sehr genau so erlebt – ein kleines, intensives Studium, bis man sich in der Materie von allen Seiten umgedreht hat.


Das ist wertvoll und wichtig. Aber es hat eine Grenze. An eine gewisse Wahrheit kommt man über reines Denken nicht heran. Irgendwann merkt man, dass man dasselbe immer wieder durchkaut, ohne wirklich voranzukommen. Ein gutes Zeichen dafür, dass etwas integriert ist, ist übrigens das Nachlassen des Interesses. Wenn das Thema nicht mehr mit dieser Dringlichkeit oben aufliegt, hat es sich meistens irgendwo gesetzt.


Der Körper weiss mehr

Was dem Kopf allein nicht gelingt, schafft der Körper oft auf seine eigene Art. Das klingt vielleicht etwas gross, aber wir meinen es ganz konkret: Bewegung, Wasser, Berührung, Tanz – das sind keine netten Extras, sondern echte Verarbeitungswege.


Simone rennt manchmal um das Haus, um den Kopf zu leeren – wahrscheinlich eine Mischung aus Stimming und dem schlichten Bedürfnis nach Bewegung. Julia hat nach dem Tod ihres Vaters für sich allein, mit Musik, geweint und getanzt – und Dinge verarbeitet, die sie weder in Worte noch in Gesellschaft hätte bringen können. Dass beides funktioniert hat, war für uns beide keine Überraschung, aber es ist trotzdem jedes Mal wieder bemerkenswert.


Körperarbeit in diesem Sinne kann vieles sein: regelmässige Osteopathie (Julia beschreibt es als Defragmentierung ihres Systems, inklusive unfreiwilligem Mittagsschläfchen auf der Liege), Schwimmen, Yoga, Spaziergänge im Wald. Für Simone ist Wasser besonders wichtig – im Sommer der See, sonst die Badewanne. Sie hat in einer besonders intensiven Integrationsphase festgestellt, dass sie abends im Dunkeln in der Wanne lag, mit rhythmischer Musik. Im Nachhinein ein fast embryonaler Zustand – warmes Wasser, Dunkelheit, Herzschlag. Das Nervensystem, das sich Sicherheit sucht und dabei sehr genau weiss, was es braucht.


Was Gefühle brauchen: Raum und Würdigung

Bei der emotionalen Verarbeitung gibt es eigentlich nur eine Regel, und die klingt simpel, ist aber gar nicht so leicht: die Gefühle da sein lassen. The only way out is through. Je mehr man versucht, wegzudrücken, desto heftiger brechen sie irgendwann hervor.


Für uns bedeutet das nicht, dass man überall in Tränen ausbricht. Es bedeutet, sich bewusst Settings zu schaffen, in denen das möglich ist – allein oder mit Menschen, die damit umgehen können. Simone hat dafür eine Heul-Playlist. Julia macht zum Beispiel gerne zum Soundtrack von König der Löwen heulend Ausdruckstanz im Wohnzimmer. Beides kann sehr empfohlen werden.


Was nämlich oft unterschätzt wird: Bei fast jedem Integrationsprozess steckt auch viel Trauer drin. Die Trauer um das, was man aufgibt, wenn man wächst. Die Trauer um das Bild von sich selbst, das man loslassen muss. Auch das ist nach einer Diagnose (ob Neurodivergenz, ADHS, AuDHS & Co. oder sonst etwas) ganz real und verdient seinen Platz – auch wenn das Umfeld manchmal nicht versteht, was da eigentlich betrauert wird.


Kreativität, Spiritualität und das Drumherum

Häkeln, Zeichnen, Keramik, DJ-Auflegen, Impro-Theater – kreative Ausdrucksformen sind keine Freizeitbeschäftigung am Rande, sondern echte Integrationsarbeit. Simone hat mit dem Häkeln angefangen und ist überraschend angesteckt davon. Julia macht seit ein paar Jahren Keramik und hat dabei gelernt, loszulassen: was aus dem Ton wird, entscheidet meist nicht der Kopf.


Und dann ist da noch die Ebene, über die man vielleicht am wenigsten spricht, weil sie so schnell in eine Ecke gedrängt wird: die existenzielle, spirituelle Dimension. Die meint nicht zwingend Räucherstäbchen und Mantras – obwohl Julia beides sehr gerne mag. Es meint vor allem das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein. Das kann auch heissen, in der Natur zu sein, in den Bergen, am Meer. In synchronen Momenten mit anderen Menschen. Im Kontakt mit dem eigenen Unterbewusstsein, über Träume, Meditation oder was auch immer. Julia und Simone mögen zum Beispiel auch gerne Tarot- oder andere Orakelkarten, die helfen können, innere Zustände sichtbar zu machen, die sonst schwer greifbar wären.


Soziales, Unterstützung und der paradoxe Rückzugswunsch

Wer gerade intensiv integriert, hat häufig gleichzeitig einen erhöhten Unterstützungsbedarf und einen starken Rückzugswunsch. Beides ist real. Beides verdient Respekt.


Das bedeutet: Dem engsten Umfeld erklären, was gerade passiert. Professionelle Unterstützung suchen – Therapeutinnen, Coaches, Communities von Menschen, die das Thema kennen. Und gleichzeitig auch Inseln des Rückzugs schaffen, selbst wenn man mitten im Alltag steckt. Vielleicht auch, wie Julia es macht, in guten Phasen vorkochen, damit man in intensiveren Phasen nicht noch für die Grundversorgung kämpfen muss.

Manchmal kann dabei auch eine sogenannte Skill-Regression auftreten – also das vorübergehende Gefühl, Dinge nicht mehr zu können, die vorher selbstverständlich waren. Das ist normal. Keine Schwäche. Kein Rückschritt. Nur der Körper und das System, die gerade woanders beschäftigt sind.


Integration braucht vor allem eines: Zeit. Man kann sie nicht beschleunigen. Aber man kann die Bedingungen dafür schaffen, dass sie gelingen kann.


Wie ist das bei euch? 


Was integriert ihr gerade – und was hilft euch dabei am meisten? Eure Heul-Playlist, eure Badewanne, euer Waldweg? Wir freuen uns sehr über eure Kommentare – hier auf dem Blog oder auf Social Media (Links sind weiter unten).


Und falls ihr die ganze Unterhaltung hören möchtet: Die Episode gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen und YouTube unter Die NeurodivergEnten und natürlich auch auf dieser Webseite. 🦆



Ihr möchtet an euren eigenen Themen rund um Neurodivergenz, Alltag und Selbstführung arbeiten? 


Wir begleiten euch gerne – im Coaching oder in der Beratung. Meldet euch bei uns, wir freuen uns auf euch.


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