MiMiMi – Das grosse Jammern über Hitze, Lärm und andere sensorische Zumutungen mit AuDHS
- dieneurodivergente
- 10. März
- 6 Min. Lesezeit
Ein Beitrag von Julia Baumann & Simone Eppler aus dem Podcast „Die NeurodivergEnten"
Kurz vorab: Ja, wir jammern heute. Und ja, das ist Absicht.
Wir lassen einmal so richtig alles raus, ein grosses MiMiMi – bei dem wir all das laut sagen dürfen, was wir sonst tapfer wegdrücken, höflich weglächeln oder im besten Fall nur mit uns selbst ausmachen. Triggerwarnung für alle, die heute nur positive Vibes wollen: Kein Problem, ihr dürft auch gerne weiterscrollen. Alle anderen: herzlich willkommen im Club der feinen Nerven.
Der Grund, warum wir diese Podcast-Folge gemacht haben, hat aber mehr Tiefe als reines Lamentieren. Viele neurodivergente Menschen haben in ihrem Leben schon öfter Sätze gehört wie „stell dich doch nicht so an" oder „sei doch nicht so empfindlich". Diese Botschaften führen dazu, dass man aufhört, die eigenen Bedürfnisse zu äussern – ein Phänomen, das man Masking nennt, also das Verbergen der eigenen neurodivergenten Reaktionen und Bedürfnisse nach aussen hin. Und Masking kann auf Dauer wirklich krank machen. Deswegen ist es für uns beide Teil eines bewussten Unmasking-Prozesses, auch mal richtig laut zu sagen: Das hier ist schwierig für mich. Und ich muss das nicht verstecken.
Simone hat das im Gespräch auf den Punkt gebracht: Sie hatte jahrelang das Gefühl, es müsse doch allen genauso gehen – und hat sich gleichzeitig gefragt, wie die anderen das bloss einfach so wegstecken. Dieses Doppelgefühl kennt Julia auch: Entweder sind die anderen irgendwie krasser als ich, oder ich bin falsch, weil ich so drunter leide. Spoiler: Beides stimmt nicht.

Was uns AuDHSler*innen sensorisch auf die Palme bringt
Fangen wir mit dem Akustischen an, denn da haben wir beide besonders viel zu sagen – und besonders viele Gefühle. Schmatzen zum Beispiel. Simone beschreibt das Gefühl so präzise, dass wir es einfach stehen lassen müssen: Sie weiss, dass die Person das nicht mit Absicht macht, und manchmal passiert es ihr selbst. Trotzdem kriecht da etwas auf ihrer Haut, wird etwas in ihr wach, das sofort und laut sagt: Neeeeeiiiiin!! Das nennt man übrigens Misophonie – die intensive, oft körperliche Stressreaktion auf bestimmte Geräusche. Ess-Geräusche, lautes Schlucken, Atemgeräusche. Für Julia löst das einen echten Fluchtreflex aus, einen körperlichen Impuls, aufzustehen und möglichst weit weg zu kommen. Das ist keine Einbildung. Das ist Fight, Flight, Freeze – das Nervensystem in voller Alarmbereitschaft.
Noch ein Begriff, der hier reingehört: Reizfilterstörung. Das bedeutet, dass das Gehirn Hintergrundgeräusche und relevante Signale nicht zuverlässig voneinander trennen kann. Im Restaurant hört Simone das Klappern, das Geplänkel, das Gemurmel der anderen Tische – und versteht kaum noch, was ihr Gegenüber sagt. Das sieht von aussen aus wie Unaufmerksamkeit. Es ist in Wirklichkeit das genaue Gegenteil: totale Aufmerksamkeit auf alles gleichzeitig, unkontrolliert, erschöpfend. Auch Julia kennt das gut, löst es nur etwas anders – durch jahrelanges Training im Lippenlesen und Kontexterschliessen dank ihrer Schwerhörigkeit. Sie versteht in lauten Umgebungen manchmal sogar besser als Normalhörende. Aber der Preis dafür ist immens: Nach einem gesellschaftlichen Abend braucht sie Stunden zur Erholung, am liebsten im abgedunkelten Zimmer.
Schwitzen, Stoffe und das grosse Temperaturproblem
Dann ist da noch die Hitze. Unser eigentlicher Aufhänger für diese Folge, weil wir beim Aufnehmen buchstäblich in unserem eigenen Saft sassen.
Für Simone ist Schwitzen auf mehreren Ebenen unangenehm: das Kleben, die Sonnencreme, die sich mit allem verbindet, das Gefühl auf der Haut – und dann möchte jemand sie umarmen, was sie eigentlich auch sehr gerne mag, bloss eben gerade nicht, weil sie ihrem Gegenüber diesen sensorischen Zustand nicht zumuten will. Ein Ding nach dem anderen. Julia beschreibt es ähnlich: Schwitzen in normaler Kleidung, bei normalen Tätigkeiten, ist für sie nah an Panik. Sport geht, weil man sich vorbereiten kann, die richtige Kleidung wählt und weiss, dass danach die Dusche kommt. Das unkontrollierte Schwitzen im Alltag ist das Problem – und es löst einen Film auf der Haut aus, der sich anfühlt wie Ameisen, die sofort weg müssen.
Hitze macht ausserdem das Denken schwerer. Das ist keine Metapher. Neurologisch gesehen nimmt in der Hitze die Leitfähigkeit der Nerven ab – und wer sowieso ein Gehirn hat, das an seiner Kapazitätsgrenze arbeitet, merkt das zuerst und am stärksten. Bei Simone werden die Wortfindungsstörungen in der Hitze deutlich ausgeprägter (man hat es in der Folge gehört), bei Julia rückt das gesamte Denken in eine Art Nebel. Das Nervensystem schaltet in den Überlebensmodus. Funktionieren wird schwierig. Strategiefähigkeit: weg.
Was hilft? Kontrolle. Sich vorbereiten. Den eigenen Rhythmus kennen. Julia plant ihre Routen im Hochsommer entlang von Häuser-Schatten und wechselt auch mal 24 x die Strassenseite, wenn es sein muss. Simone hängt sich ein Kühltuch um den Hals. Wir arbeiten morgens und abends, wenn die Temperaturen es erlauben mit einer möglichst langen Mittagspause im Modus Tote Fliege. Anzuerkennen, dass das kein Luxus ist sondern quasi artgerechte Haltung, war für beide ein langer Prozess.
Zum Kleidungsthema könnten wir eine eigene Folge machen – aber soviel sei gesagt: Etiketten in T-Shirts gehören abgeschafft. Spitze auf Kragenrändern ist eine unnötige Zumutung. Enge Bündchen bei Leggings, dicke Innennähte, Stoffe, die kleben oder kratzen – all das sind keine Kleinigkeiten, sondern sensorische Dauerstörer. Julia wechselt die Kleidung mehrmals täglich je nach Stimmung und Situation, trägt bei Wanderungen oder sonstigen Sportarten und Unternehmungen Schichten wie ein Zwiebel-Kunstwerk und plant Materialien wie eine Zeugwartin. Das führt oft dazu, dass man mehr Gepäck mit sich führt als andere. Simone kennt das auch zu gut. Beide wurden dafür schon belächelt. Dabei ist die grosse Tasche keine Schrulligkeit, sondern ein Werkzeug – das gleiche Prinzip wie der Lieblings-Hoodie, die Trinkflasche oder die kleinen Stofftierchenglücksbringer am Rucksack. Es sind Dinge, die Sicherheit geben. Im Autismus-Kontext nennt man das Nesting: das bewusste Mitführen von Dingen, die Regulation und Wohlbefinden unterstützen.
Gerüche und Licht – eine Schnellrunde, die es in sich hat
Gerüche sind für Simone weit oben in den sensorischen Charts. Schweissgeruch, Käse, Suppe in Schulkorridoren – das sind keine Vorlieben oder Abneigungen, das sind K.O.-Kriterien. Julia kann nicht in Räume, in denen Raclette oder Fondue gegessen wird. Nicht nur nicht essen – nicht anwesend sein. Frittiertes, starkes Parfüm, und ja, auch die Banane, die jemand fünf Decken entfernt im Park isst. Die Nase ist bei ihr ausgesprochen scharf, und was sie aufnimmt, verarbeitet das Nervensystem sofort und vollständig.
Beim Licht ist das Offensichtliche (grell, flackernd) nur der Anfang. Simone sieht das ganz leichte Vibrieren von falsch eingestellten LED-Lampen, das anderen völlig entgeht. In einem Spa hat das einmal zu einem Meltdown geführt – erst Übelkeit, dann Panik, dann musste ihr Partner ans Telefon. Bei Julia ist es das drückende Grau hinter einer Hochnebelschicht, das ihr regelrecht depressive Verstimmungen auslöst. Wenn die Sonne hinter Wolken hängt und das Licht trotzdem irgendwie gleissend ist, beschreibt sie das Gefühl wie in einer French Press zu sitzen, in der alles nach unten gedrückt wird. Die Sonnenbrille ist dann kein Diva-Accessoire. Sie ist Selbstschutz.
Was das alles bedeutet
Als AuDHSler*innen beschäftigen wir uns viel mit Schatten, Stoffen, Gerüchen, Lautstärke, Temperatur, Licht. Das kostet Zeit und Energie, die andere Menschen einfach nicht aufwenden müssen. Das ist keine Präferenz. Es ist kein Kompliziertsein um des Kompliziertsein willens. Es ist der Versuch, in einer Welt zu funktionieren, die nicht für unsere Nervensysteme gebaut wurde.
Wir sind wie Briefwaagen in einer Welt voller Küchenwaagen. Wenn man einer Briefwaage sagt, sie soll doch nicht so empfindlich sein, ändert das nichts an ihrer Konstruktion. Es macht nur alle Beteiligten frustrierter.
Und genau deswegen ist Benennen so wichtig. Misophonie. Reizfilterstörung. Sensorische Überempfindlichkeit. Diese Worte machen etwas möglich: Verständnis – für andere und für uns selbst.
Und falls ihr euch beim Lesen ertappt habt mit dem Gedanken „das kenne ich doch auch" – herzlich willkommen. Ihr seid nicht alleine.
Wie geht es euch damit?
Was sind eure grössten sensorischen Herausforderungen? Habt ihr Strategien, die euch wirklich helfen? Und gibt es Begriffe oder Erklärungen, die euch geholfen haben, euch selbst besser zu verstehen? Schreibt es uns in die Kommentare.
Und falls ihr die ganze Unterhaltung hören möchtet: Die Episode gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen und YouTube unter Die NeurodivergEnten und natürlich auch auf dieser Webseite. 🦆
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Wir begleiten euch gerne – im Coaching oder in der Beratung. Meldet euch bei uns, wir freuen uns auf euch.
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