A, b, c, DHS - Das Vokabular der Neurodiversität
- dieneurodivergente
- 12. März
- 6 Min. Lesezeit
Ein Beitrag von Julia Baumann & Simone Eppler aus unserem Podcast „Die NeurodivergEnten"
Sprache schafft Wirklichkeit. Das klingt erst mal nach einem dieser Sätze, die man auf einer Motivationskarte findet – aber im Kontext von Neurodiversität ist es buchstäblich wahr. Denn ob jemand sagt „du hast eine Störung" oder „du verarbeitest Informationen anders" macht einen himmelweiten Unterschied. Nicht nur für das Selbstbild, sondern auch dafür, wer Zugang zu Unterstützung bekommt, wer als krank gilt und wer als verschroben. Deshalb starten wir mit dem Vokabular. Mit den Begriffen, die helfen, das alles besser zu verstehen – für sich selbst, und für andere.

Neurodiversität und Neurodivergenz – was ist was?
Beginnen wir mit dem Unterschied, der immer wieder für Verwirrung sorgt. Neurodiversität ist, ähnlich wie Biodiversität, ein Begriff für die Gesamtheit aller neurologischen Ausprägungen. Also: alle Menschen zusammen bilden die Neurodiversität. Eine einzelne Person kann dieser Logik nach gar nicht „neurodivers" sein. Was es gibt, sind Menschen, die von der neurologischen Mehrheit abweichen – und die werden neurodivergent genannt. Die Mehrheit wiederum wird als neurotypisch bezeichnet, weil wir das Wort „normal" möglichst meiden – denn was normal ist, entscheidet immer auch Macht.
Manche Menschen lehnen den Begriff neurodivergent übrigens ab, weil er sprachlich eine Abweichung impliziert, und verwenden stattdessen neurodivers als Synonym. Das ist legitim und zeigt, wie lebendig diese Diskussion gerade ist. Wir finden es schön, wenn Menschen für sich selbst wählen, welche Sprache sich stimmig anfühlt.
ADHS, ASS, AuDHS & Co.
Was alles unter Neurodivergenz fällt, ist ebenfalls nicht abschliessend definiert. Im engeren Sinn zählen klassische neurobiologische Entwicklungsunterschiede dazu: Autismus (ASS), ADHS, Hochsensibilität, Legasthenie, Dyskalkulie & Co. Simone bezieht sich gerne auf den "Neurodivergent Umbrella (also ein grosser Schirm)", der noch viel mehr versammelt: Hochbegabung, komplexe Traumata, Misophonie, Bipolare Störung, Borderline und andere sogenannte Persönlichkeitsstörungen – wobei wir das Wort Störung allgemein ungern in den Mund nehmen. Dazu kommen wir noch.
Medizinisches Modell vs. gesellschaftliches Modell der Behinderung
Hinter der Frage, was eine „Störung" ist und was nicht, steckt eine der wichtigsten Grundsatzfragen: Wie verstehen wir Behinderung eigentlich? Das medizinische Modell geht davon aus, dass das Defizit in der Person liegt. Es gibt eine Norm, du weichst davon ab, also bist du gestört – und im besten Fall wird dieses Defizit behandelt und ausgeglichen, damit du dich wieder der Norm annäherst.
Das gesellschaftliche Modell dreht das um: Nicht die Person ist das Problem, sondern das Umfeld. Eine Gesellschaft, die nur für eine bestimmte Art von Nervensystem gebaut wurde, schliesst automatisch alle anderen aus. Wenn alles passen würde im Umfeld, wäre vieles von dem, was heute als Beeinträchtigung gilt, gar nicht so zum Tragen.
Ein Beispiel, das Julia sehr gerne bringt, weil es das eindrücklich veranschaulicht: Bis 1973 war Homosexualität im diagnostischen Handbuch DSM als psychische Störung gelistet. Heute würde das niemand mehr ernsthaft vertreten – und doch war es damals medizinisch anerkannte Wahrheit. Das zeigt: Was als Störung gilt, ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. Und wer darüber entscheidet, hat Macht. Denn eine Diagnose entscheidet auch darüber, wer Zugang zu Versicherungsleistungen bekommt, wer sich auf Rechte berufen kann, wer gesehen wird.
Wir finden, man muss sich nicht für eines der beiden Modelle entscheiden. Beide sind Vereinfachungen der Realität – und beide haben ihren Platz. Simone betont, dass das gesellschaftliche Modell keine Antwort auf Fragen gibt, bei denen es tatsächlich medizinische Unterstützung braucht. Ohne Diagnosen gibt es zum Beispiel keine ADHS-Medikation. Das eine schliesst das andere nicht aus – aber es wäre schön, wenn beides ohne Stigma und ohne strenge Schubladen funktionieren könnte.
Kann man ADHS heilen? Und was ist eigentlich Neurodivergenz im Alltag?
Eine Frage, die uns oft begegnet: Kann man ADHS oder Autismus heilen? Die kurze Antwort ist nein. Und die meisten Betroffenen möchten auch gar nicht geheilt werden. Sie wollen Lebensbedingungen, in denen ihr persönliches Setup sie nicht krank macht. ADHS-Medikamente etwa – Simone sieht sie wie eine Brille: Sie lassen gewisse Dinge schärfer sehen, als es ohne sie möglich wäre. Sie helfen bei der Emotionsregulation, beim Anfangen von Dingen, beim Einschlafen. Aber sie heilen nichts. Ein anderes schönes Bild: Stell dir einen 800-Meter-Lauf vor, bei dem alle anderen Läuferinnen ihre Startblöcke auf einer Linie haben – und du stehst 100 Meter weiter hinten. Medikamente bringen deinen Startblock näher. Nicht ans Ziel. Nur näher.
Was neurodivergente Menschen wirklich unterscheidet, ist die Art, wie Informationen verarbeitet werden – schneller, langsamer, vernetzter, asynchron – und wie sinnliche Reize ankommen. Sounds, Licht, Texturen. Das kostet oft enorm viel Energie. Dazu kommen Exekutivfunktionen: Planung, Organisation, Zielverfolgung, Emotionsregulation. Bei ADHS ist das Kernthema nicht fehlende Konzentration, sondern die Fokuslenkung. Wer im Hyperfokus steckt, kann sich nicht einfach umschalten – wie jemand, der im Schuss die Skipiste runterbraust und plötzlich noch abbiegen soll. Die grösste Herausforderung ist oft gar nicht die Aufgabe selbst, sondern das ganze Drumherum: Was ziehe ich an, damit es sich sensorisch gut anfühlt? Habe ich den richtigen Bus? Habe ich meine Schlüssel? Diese Logistik zehrt an Kapazitäten, die danach für die eigentliche Arbeit fehlen.
Double Empathy, Ableismus und Masking
Das sogenannte Double Empathy Problem – ein Konzept des Autismusforschers Damian Milton – beschreibt, wie Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen. Nicht weil eine Seite „falsch" kommuniziert, sondern weil beide einfach unterschiedliche Kommunikationsstile haben. Vereinfacht gesagt: Neurotypische Menschen stellen den sozialen Aspekt einer Botschaft in den Vordergrund, autistische Menschen die Information. Das ist wie zwei verschiedene Dialekte – und trotzdem wird oft nur von einer Seite erwartet, die andere Sprache zu lernen. Beide Gruppen, wenn sie sich unter sich befinden, kommen wunderbar miteinander klar. Sobald gemischt wird, hakt es. Die Folgerung daraus: Beide dürfen sich aufeinander zubewegen. Das ist nicht die alleinige Aufgabe der marginalisierten Seite.
Ableismus – zu Deutsch Behindertenfeindlichkeit – ist das, was passiert, wenn Behinderung als persönliches Defizit behandelt wird, wenn Bedürfnisse abgesprochen werden, wenn Zugang fehlt oder wenn jemand auf seine Behinderung reduziert wird. Das steckt tief in uns allen drin, auch in Menschen, die selbst betroffen sind. Der internalisierte Ableismus flüstert einem zu: Reiß dich zusammen. Die anderen schaffen das doch auch. Das ist eine der zähesten Stimmen, gegen die es anzukämpfen gilt.
Masking ist der Mechanismus, der entsteht, wenn man früh lernt, dass Dazugehören bedeutet, einen Teil seiner Authentizität aufzugeben. Man unterdrückt Bedürfnisse, passt sich an, kopiert neurotypische Verhaltensweisen – so lange, bis man irgendwann nicht mehr weiss, wer man eigentlich ist. Das ist kein Entschluss, sondern ein Überlebensmechanismus. Und es macht krank. Wenn das Masking dann fällt – oft durch eine späte Diagnose oder einfach durch Erschöpfung – sagen manche: „Du warst früher aber anders." Ja. Weil früher das Korsett getragen wurde. Seitdem man weiss, wie es ohne geht, möchte man nie mehr zurück.
Kleine Anpassungen, grosse Wirkung
Was hilft? Accommodations – also Anpassungen. Das Wort klingt nach bürokratischem Aufwand, meint aber oft sehr kleine Dinge: Fenster auf oder zu, Kamera an oder aus, eine Meeting-Agenda im Voraus, Termine immer am gleichen Wochentag. Es gibt den schönen Begriff des Curb-Cut-Effekts: Die Einkerbung in der Bordsteinkante wurde für Rollstuhlfahrende gedacht – und hilft heute Eltern mit Kinderwagen, Lieferanten, Seniorinnen mit Rollator, Kindern mit Rollern. Fast alle Anpassungen, die für neurodivergente Menschen geschaffen werden, kommen letztlich allen zugute. Neurodivergente Menschen sind in diesem Sinne wie Kanarienvögel in der Kohlemine: Sie zeigen als erste an, wo etwas in einem System nicht stimmt. Wer für sie sorgt, sorgt für alle.
Und dann ist da noch das Stimming – das selbststimulatorische Verhalten, das oft mit Autismus verbunden wird, sich aber bei vielen neurodivergenten Menschen zeigt: Summen, Wörter wiederholen, Beine wippen, Hände bewegen. Es ist kein Alarmzeichen, sondern Regulation. Sowohl für schwierige Momente als auch für grosse Freude. Autistic Joy ist real und wunderschön – wenn man ihr Raum lässt.
Wie seht ihr das so?
Welche Begriffe aus dieser Welt haben euch selbst schon am meisten geholfen – im Sinne von "Name it to tame it"? Schreibt es uns in die Kommentare.
Und falls ihr die ganze Unterhaltung hören möchtet: Die Episode gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen und YouTube unter Die NeurodivergEnten – mit Simone Eppler und Julia Baumann und natürlich auch auf dieser Webseite. 🦆
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