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AuDHS und das Autofahren

Ein Beitrag von Julia Baumann & Simone Eppler aus dem Podcast „Die NeurodivergEnten"


Eigentlich wollten wir über Reisen sprechen. Dann haben wir gemerkt: allein zum Thema Autofahren haben wir so viel zu sagen, dass wir eine ganze Folge damit füllen könnten. Und so war es dann auch. Denn Autofahren ist für viele neurodivergente Menschen (ADHS, Autismus, AuDHS und co.) weit mehr als einfach von A nach B kommen – es ist ein sensorisches, emotionales und kognitives Erlebnis, das es in sich hat.


AuDHS und das Autofahren

Zwei AuDHSlerinnen, zwei Geschichten


Simone hat ihren Führerschein erst mit 38 gemacht – nach einem Jahr Fahrausbildung, mehreren Unterbrüchen und unzähligen Fahrstunden. Was ihr damals ein Rätsel war: Je mehr sie übte, desto schwieriger wurde es. Der Fahrlehrer verstand es nicht. Simone selbst auch noch nicht. Heute weiss sie: Bei autistischen Menschen wirkt Exposition – also das wiederholte Aussetzen gegenüber Ängsten und Unsicherheiten – nicht automatisch desensibilisierend. Im Gegenteil. Wer sich intensiv auf seine Angst fokussiert, übt im Zweifelsfall vor allem die Angst. Keine irrationale Reaktion. Eine neurologisch erklärbare.


Julia kommt von einer ganz anderen Seite. Den Führerschein hat sie noch vor dem 18. Geburtstag gemacht, das Auto war damals ihr Symbol für Freiheit – Boombox im Kofferraum, Ellbogen raus, Musik rein. Doch mit den Jahren, mit Familie, Mehrfachbelastung und dem langen Maskieren hat sich das verändert. Heute fährt sie lieber Zug – ausser wenn sie alleine unterwegs ist oder alle Passagiere auf der Rückbank schlafen.


Warum Autofahren so viel Energie kostet


Das Auto ist ein geschlossener Raum mit wenig Kontrollmöglichkeiten. Gerüche, Temperatur, Geräusche – all das ist schwer steuerbar. Gleichzeitig gibt es wenig angenehme Ablenkung: Man sitzt, fährt, kann nicht aufstehen, nicht weggehen. Was bleibt, ist die volle Aufmerksamkeit auf alles, was stört. Es ist eine ungute Mischung: zu viele unangenehme Reize, zu wenige angenehme – und kaum Möglichkeit, den Fokus woanders hinzulenken.


Dazu kommt das sensorische Profil. Viele neurodivergente Menschen nehmen ihre Umgebung mit einer Intensität wahr, die andere gar nicht kennen. Das macht uns zu aufmerksamen, vorausschauenden Fahrerinnen – und gleichzeitig zu Menschen, die nach einer Autofahrt manchmal so erschöpft sind, als hätten sie einen Marathon gelaufen.


Und noch eine Dimension, die gerne übersehen wird: Wir fahren oft nicht alleine. Julia zum Beispiel ist in der Familie meistens Beifahrerin (jaja, die patriarchalen Muster! Leider kann sie besser navigieren und damit ist das halt so) – und das bedeutet: sensorisches Management für alle, Bedürfnisse der Kinder koordinieren, der fahrenden Person Ruhe ermöglichen, dabei selbst reguliert bleiben. Das ist eine eigene Hochleistung, die nach aussen unsichtbar bleibt.


Was hilft – unsere Strategien


Angenehme Reize bewusst einbauen. Simone hat über einen Kurs gegen Autofahrangst eines mitgenommen, das bis heute trägt: positive sensorische Assoziationen schaffen. Ein Lieblingsgetränk, ein Bonbon im Mund, die richtige Musik – genau auf Stimmung und Strecke abgestimmt. Klingt simpel. Wirkt.


Das Setting selbst gestalten. Sitz perfekt eingestellt, die eigene Playlist, die Lautstärke selbst bestimmen. Wer das als Kleinigkeit abtut, kennt das Gegenteil nicht: unnötige sensorische Reibung, die still Energie kostet. Simone hat sogar feste Autofahrschuhe – immer dieselben, abgeranzt, aber mit genau dem richtigen Gefühl am Pedal. Wir verstehen das beide.


Pausen als selbstverständlichen Teil der Reise einplanen. Nicht als Notlösung, sondern als Struktur. Simone fährt längere Strecken grundsätzlich in Etappen, mit Übernachtung wenn nötig. Julia macht vor langen Fahrten bewusst eine Bewegungseinheit, legt Pausen an Orten ein die keine Tankstellen sind – am liebsten mit gutem Essen in der Nähe. Der Weg ist so kein notwendiges Übel sondern ist Teil des Erlebnisses.


Stimming zulassen. Laut mitsingen, summen, durch die Fahrt moderieren wie eine Zugführerin: „Da vorne ein rotes Auto, fährt etwas unregelmässig, ich halte Abstand." Das klingt seltsam, aber es hilft – zur Konzentration, zur Regulation, zur Sicherheit. Selbstgespräche beim Autofahren sollten vollständig normalisiert werden. Wer sich dabei komisch fühlt, steckt sich einfach Airpods ins Ohr.


Sich von idealen Bildern lösen. Lange war Simone davon überzeugt, sie müsste Autofahren so können, wie andere es können. Diese Überzeugung hat mehr Schaden angerichtet als das Autofahren selbst. Mit dem Wissen über das eigene Gehirn ist Raum für Humor entstanden – und für Nachsicht. Einparken klappt manchmal nicht, wenn jemand zuschaut. Das ist okay. Noch ein Versuch.


Noise-Canceling als Selbstschutz. Für Julia war es ein langer Prozess, sich auf der Beifahrerseite (nicht als Fahrerin! :D) die Kopfhörer aufzusetzen und zu sagen: Ich nehme mich jetzt kurz raus. Selbstfürsorge als Prio, damit man nachher wieder Kapazitäten hat.


Vorsichtig und Umsichtig - und manchmal auch ein Umweg


Das möchten wir ganz klar sagen: Wer viele Fahrstunden gebraucht hat, wer lange geübt hat, wer nach einer Autofahrt erschöpft ist – das ist kein Zeichen für schlechtes Autofahren. Es ist ein Zeichen dafür, wie viel im Inneren geleistet wird, während aussen alles normal aussieht.


Neurodivergente Menschen, die sich dieser Intensität bewusst sind, fahren oft besonders vorausschauend und defensiv. Wir kriegen alles mit. Wir sehen, wenn jemand die Spur wechseln möchte, bevor er den Blinker setzt. Wir merken, wenn ein Auto vor uns am Handy ist. Diese Wachheit ist kein Mangel. Sie ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit.


Und manchmal – wenn das Navi streikt, die Route sich ändert und man spontan auf einer Nebenstrasse landet – entstehen die schönsten Momente. Die man sonst nie erlebt hätte.


Wie geht es euch mit dem Autofahren?


Habt ihr eigene Strategien, Hacks oder Erlebnisse, die ihr teilen möchtet? Schreibt es uns in die Kommentare


Und falls ihr die ganze Unterhaltung hören möchtet: Die Episode gibt es auf allen gängigen Podcast-Plattformen und YouTube unter Die NeurodivergEnten – mit Simone Eppler und Julia Baumann und natürlich auch auf dieser Webseite. 🦆



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Wir begleiten euch gerne – im Coaching oder in der Beratung. Meldet euch bei uns, wir freuen uns auf euch.


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